Serapionsensemble

Das serapiontische Prinzip
Bei der kunstschaffenden Umsetzung von Gedanken und Ideen geht es um die Verwandlung eines Inneren ins Äußere, um die Übertragung eines Geistigen ins Wirkliche und die Umsetzung von Seelischem in Körperliches, Bildnerisches; eine Beseelung von Materie.
Kunst ist demnach nicht zu lösen von dem, der sie hervorbringt oder aufnimmt.
„Jeder soll prüfen, ob er das, was er zu verkünden unternimmt, auch wirklich geschaut hat, ehe er es wagt, damit laut zu werden“ (Hoffmann). Keiner sollte urteilen über das Wahrgenommene, ehe er sicher ist, das Wahrgenommene auch verinnerlicht zu haben. Damit erst erwirbt sich der Kunstschaffende und sein Partner, der Betrachter, Hörer und „Begreifer“, das Recht auf individuelle Freiheit. Erst wenn des Kunstschaffenden Werk auf dieselbe Weise wie die Natur wirkt, wird es das Höchste und das Schwierigste erreicht haben, das man in der Kunst erreichen kann.
Der Kunstschaffende wird daher im Sinne des Serapiontischen Prinzips in Demut (Demut = Mut zu dienen) eine Haltung einnehmen gegen Egoismus, Opportunismus, Unaufrichtigkeit, Dummheit, Brutalität, kleinbürgerliches Verhalten in allen Spielarten, unter welcher Maske auch immer. Er wird jeder Bevormundung, Ideologisierung, jedem Dogma durch seine Arbeit entgegenwirken.
Der Name Serapion stammt einerseits aus der Mystik der drei Abraham-Religionen. Die Seraphime gehören neben den Thronen und den Cherubimen zur höchsten Hierarchie der Engel und werden als feurige Schlänglein verstanden. Seraph = Schlange.
Andererseits leitet sich der Name Serapion aus dem Ägyptischen ab und ist die gräzisierte Version des Begriffes „Osiris Apis“. Osiris, der Stier. In diesem Falle der liegende Stier, aus dem das Getreide wächst, ein Vegetations- und Fruchtbarkeitsgott.
Das Serapeion war ein Getreide-Heiligtum in Memphis und nahezu in jedem griechischen Temenos (Tempelbezirk) gab es ein Serapeion. Ptolemaios I. schuf mit Serapis eine griechisch-ägyptische Mittlergottheit, die sich im gesamten Mittlemeerraum verbreitete.
In den christlichen Legenden erscheint Serapion als Einsiedler, der von Diokletian in die Wüste verbannt wird, weil er seiner Wahrheit nicht abschwören wollte.
Als Anachoret hat er in der europäischen Literatur (Balzac, Hoffmann, Lunz) Heimat gefunden.
Das Serapionsensemble wurde von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits 1973 gegründet. Zunächst war es ein fahrendes Ensemble ohne eigene Spielstätte oder Probenraum. Erst 1977 konnte ein altes Kino am Wiener Wallensteinplatz adaptiert werden, das für zehn Jahre zur Heimstatt des Ensembles wurde. Seit 1980 trägt das Ensemble den Namen Serapions Theater. Anregung zu diesem Namen gaben einerseits die „Serapions Brüder“ von E.T.A. Hoffmann, andererseits aber auch eine Literatengemeinschaft, die sich in den Jahren der russischen Revolution in Petersburg bildete.
Im Hoffmannschen „Serapiontischen Prinzip“ geht es vor allem um die Umsetzung von Seelenhaftem in Bildnerisches. Um die Tatsache, dass Kunst nicht von dem zu lösen ist, der sie hervorbringt oder aufnimmt. Das Serapiontische Prinzip hat auch mit dem Verfahren der Mimesis zu tun. Der Nachahmung, die darin besteht, das Nachgeahmte zu verwandeln und so zu einer neuen Wirklichkeit werden zu lassen. Nachahmung, die zur bloßen Imitation oder Interpretation führen würde, wäre allerdings eine misslungene oder missbrauchte Anwendung dieses Prinzips. Am 1. Februar 1921, inmitten der russischen Revolution und des Bürgerkriegs, hielt in Petersburg eine Vereinigung von Literaten ihre erste Versammlung ab, die sich auf Anraten des jungen Autors Lev Lunc in Anlehnung an Hoffmann „Serapions Brüder“ nannte. Diese Gruppe von Autoren machte sich nicht nur politische Toleranz zum Prinzip, sondern wollte auch keines ihrer Mitglieder in künstlerischer Hinsicht festlegen. Man forderte das Recht auf individuelle Freiheit des Kunstschaffenden gegenüber dem Staat. Dass dieser Vereinigung im Lauf der Geschichte kein langes Leben beschert war, liegt auf der Hand. Man nahm eine gemeinsame Haltung ein gegen Egoismus, Opportunismus, Unaufrichtigkeit, Dummheit, Brutalität, kleinbürgerliches Verhalten in allen Spielarten, unter welcher Maske auch immer.
„Serapion“ in unserem Gebrauch ist ein graezisierter Begriff aus dem alten Ägypten. Osiris Apis: Osiris, der Stier. In diesem Fall der tote Osiris, aus dem das neue Getreide wächst. Das ägyptische Serapis-Heiligtum befand sich in Memphis. Vielen griechischen Temenos (Tempelbezirken) war ein Serapeion als Getreide-Heiligtum angeschlossen. Seit 1988 hat das Serapions Theater das vom Ensemble
gegründete und adaptierte Odeon zum ständigen Spielort. Das Odeon befindet sich im großen Saal der Wiener Getreidebörse in der Taborstraße.
Buchtipp: Das Buch zum Serapions Theater